VORWORT

Die Eigenart studentischen Lebens mag für viele Außenstehende heute besonders schwer zu begreifen sein. Damit aber das Farbstudententum volksnah und in seinen Eigentümlichkeiten verständlich bleibt, sollte zumindest der Student heute seine Geschichte kennen. Das studentische Gesellschaftsleben hat sich im europäischen Raum der völkischen Art und dem religiösen – politischen Zustand entsprechend verschieden entwickelt. Kampf gegen Tyrannei und Unterdrückung, idealistischer Glaube, Streben nach Wissenschaft und Patriotismus haben das Bild des österreichischen Studenten geprägt.

coleurkarte8

Obwohl vom Farbstudententum in seiner eigentlichen Form erst im 19. Jahrhundert gesprochen werden kann, gehen seine Wurzeln bis weit in das Mittelalter zurück.
Das Korporationswesen ist eng mit dem Begriff der Universität verknüpft. Die Universitäten als Zentren des geistigen Abendlandes entstanden dadurch, dass Gelehrte von Ruf in Klosterschulen unterrichteten und so Wissensdurstige aus allen Ländern zusammenströmten. Die Wissenschaft jener Zeit stand noch in enger Verbindung mit der Ursprünglichen Einheit des christlichen Glaubens. Die Entstehung der „Universitas“ fällt in die Zeit der Gotik. Zu den ältesten Universitäten des christlichen Abendlandes zählen diejenigen von Bologna und Paris. Im Jahre 1158 beurkundete Kaiser Friedrich Barbarossa ein Universitätsprivileg für die hohen Schulen in Italien, das den Studenten, die aus wissenschaftlichen Gründen die Heimat verließen und ein Studium an Orten betrieben, in denen sie nicht Bürger waren, Schutz und Sicherheit bieten sollte. Dieses Gesetz bestimmte auch die eigene Gerichtsbarkeit der Universität. 

Es gab an den mittelalterlichen Hochschulen 4 Fakultäten, von denen die philosophische Fakultät als eine Vorstufe zu den 3 höheren Disziplinen (Theologische, juridische und medizinische) war. Erst später als im Übrigen Abendland kam es im deutschen Sprachraum zur Gründung von Universitäten. Allerdings gab es schon vorher Domschulen in Erfurt und Trier. Die älteste deutsche Universität entstand 1348 in Prag, zur Zeit des sich ausbreitenden Humanismus, gebaut unter der Herrschaft Karl IV. Diese Universität war aber nicht nur für Deutsche und Böhmen, sondern auch für angrenzende Länder des Reiches. Die zweitälteste Universität im deutschsprachigen Raum ist die im Jahre 1365 durch Herzog Rudolf IV gegründete Universität von Wien. Es folgten weitere Universitäten 1386 in Heidelberg, 1388 in Köln, 1392 in Erfurt und 1402 in Würzburg. Als im Jahre 1408 unter König Wenzel an der Prager Universität zu nationalen Gegensätzen zwischen tschechischen und den übrigen Studenten kam, welche durch die Hus’sche Bewegung noch verschärft wurden, zogen die etwa 1000 deutschen Studenten mit ihrem Rektor und ihren Lehrern von Prag nach Sachsen, wo noch im selben Jahr die Leipziger Universität gegründet wurde.

An den mittelalterlichen Universitäten hatten sich die Studenten im Sinne der ihnen vom Landesherren verbrieften Freiheiten eigene Schutzgilden geschaffen – die Nationes (Nationen). Obwohl man die Nationes nicht mit den späteren studentischen Verbindungen vergleichen kann, gelten sie doch als die ersten studentischen Zusammenschlüsse. Die Gliederung erfolgte nach der sprachlich – völkischen Herkunft der Studenten. Diese Herkunft darf allerdings nicht mit einer Landeszugehörigkeit verwechselt werden. Entscheidend war die Sprache die der Student als Muttersprache angab. Konnte sich eine Gruppe, die sich sprachlich zueinander gehörig fühlte, zahlenmäßig nicht durchsetzen, so Schloss sie sich einer stärker vertretenen Nation an. Wollte man auf einer Universität Aufnahme finden, musste man sich zuerst an eine Nation wenden. Erst danach konnte man in die Matrikel eingetragen werden. Jetzt erst erfolgte die Aufnahme in ein Studienhaus. Die Nationes spielten besonders an den Universitäten in Italien und Frankreich eine große Rolle. Sie beherrschten dort das studentische Leben. Sie besaßen weitgehende Selbstverwaltung und wurden in wichtigen Rechtsfragen sowie kirchlichen Angelegenheiten gehört. In den Satzungen der Nationes war festgelegt, dass sie ihren Brüdern Schutz gewähren mussten, ihnen in der Not beistehen und im Falle eines Todes in fremdem Lande für ein christliches Begräbnis sorgen mussten. In Prag gab es anfänglich 4 Nationes: Sachsen, Bayern, Polen und Böhmen. Ihnen kam später auch eine politische Bedeutung zu, weshalb sie die ihnen gewährten Vorrechte allmählich durch die Landesfürsten verloren.

Sowohl die einheimischen als auch die vom Lande oder anderen Städten stammenden Studenten traten zu den von den Universitäten geregelten Wohngemeinschaften zusammen. Bis zur Reformation ist für Lehrer und Schüler der Aufenthalt im mittelalterlichen Internat – der Burse – allgemein vorgesehen gewesen. Fast überall bestand Bursenzwang. Hier herrschte anfangs strenge Zucht und das Bestreben nach geschlossenem Auftreten, sowie Zwang zur einheitlichen Kleidung. Die in den Bursen wohnenden hießen „Bursari“ oder „Burs“ (daher auch der Ausdruck „Bursch“) und unterstanden einem Graduierten (Licentiatus oder Magister) als Bursenrektor. Strenge Hausvorschriften sorgten für Ordnung. Die Umgangssprache war Latein. Neuaufgenommene mussten schwören, das Statut zu halten, Ruhe und Ordnung nicht zu stören und sich im Falle eines Ausschlusses an der Burse nicht zu rächen. In den Bursen war das Leben meist klösterlich, einfach, hart und das Essen knapp. Eine Bursenregel besagte, dass die Pünktlichen beim Essen die Portion des Unpünktlichen verzehren durften. Wurde im Winter geheizt, so kam dies so selten vor, dass dies in den Analen vermerkt wurde. Waren die Bursen unterbelegt so schickte man die „bursales“ zum „keilen“ aus. Die Bursen legten sich zur Unterscheidung besondere Namen zu. Entweder nach dem Hauszeichen oder noch der landsmannschaftlichen Herkunft oder nach ihren Stifter. In den Bursen wurden die heimischen Lieder gesungen und Bräuche und Sitten gepflegt. Um 1400 gab es in Wien 29 Bursen. Bei hohen Strafen war es verboten, Nichtimmatrikulierten Einlass und Unterkunft zu gewähren. Trotz der harten Disziplin in den Bursen regte sich viel gesellschaftliches Leben und Humor, der auch vor Rektoren und Staatsoberhäuptern nicht Halt machte. Mit dem Aufkommen freierer Sitten und der Lösung vom kirchlichen Einfluss lockerte sich nach und nach die Zucht in den Bursen. Der Freiheitsdrang setzte sich schließlich durch, sodass das Leben in den Bursen erträglich wurde, was andererseits dann auch zu groben Missbräuchen und sittlichen Verfall der Bursen führte. Eine neuere Form der Bursen hat sich im englischen College bis zum heutigen Tage erhalten.

Da seit der Reformation der Großteil der deutschsprachigen Universitäten die engere Bindung mit der Kirche aufgeben musste, unterstanden diese den Landesfürsten. Der Bursenzwang wurde aufgehoben. Die alten Nationes, die ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen konnten, lösten sich auf. Althergebrachte Privilegien gingen unter zunehmender Einflussnahme der Landesfürsten verloren. Der Student selbst führte nun allerdings ein freies Leben. In Anlehnung an die früheren Nationes entstehen die Landsmannschaften als von den Universitäten unabhängige Institutionen, die sich jetzt entsprechend den geänderten politischen Verhältnissen nach nationaler Herkunft gliederten. Die Landsmannschaften wurden bald zu den Trägern der späteren Korporationsidee und zu typischen Einrichtungen des studentischen Lebens. Auch bei den Landsmannschaften herrschte jener genossenschaftliche – korporative Zug mit grundsätzlich demokratischen Einrichtungen vor, der einen zunftmäßigen Charakter trug und sorgsam über seine Privilegien und Rechte wachte. Die Landsmannschaft selbst wurden zu einem einflussreichen und bedeutenden Faktor an den Universitäten und machte sich nun alle Studenten ihren Zwecken gefügig. Denn ohne Zugehörigkeit zu einer Landsmannschaft durfte man nicht studieren. Die Senioren wurden gewählt, führten aber dann ein autokratisches Regiment. Die Landsmannschaften bildeten den Komment aus (1736). Dieser umfasste die Regeln für den Umgang untereinander, sowie die Einhaltung der Bräuche und Trinksitten. Die Landsmannschaften hatten überall Kommershäuser, trugen farbige Hutschleifen, führten den Stoßdegen, huldigten dem Duell, dem Spiel und dem Tanz. Sie hatten es vor allem auf die unerfahrenen Neulinge abgesehen. Obrigkeit und Spießbürger verachtete man. Man kümmerte sich auch nicht um die bürgerliche Moral. Besonders nach dem 30-jährigen Krieg kamen rohe Sitten auf, die Streit und Händel mit den Bürgern förderten. Raufereien wurden auf der Straße ohne Regeln auf Hieb und Stich ausgefochten, was zahlreiche Opfer forderte. Obrigkeit und akademische Behörden sahen machtlos dem Treiben zu. Die Zerstörungen des 30-jährigen Krieges begünstigte die Selbstherrlichkeit und Ungebundenheit der Studenten. Die Aufhebung des Penalzwanges führte schließlich zum Niedergang der landsmannschaftlichen Vorherrschaft. 1765 wurden die Landsmannschaften überhaupt verboten. Auf den Universitäten in den österreichischen Landen spielten die Landsmannschaften keine Rolle.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildeten sich neben und im offenen Gegensatz zu den Landsmannschaften die studentischen Orden. Sie strebten den zur gleichen Zeit aufkommenden Freimaurerbewegung nach. Die studentischen Orden umgaben sich zum Schutz gegen die Nachstellung der Landsmannschaften und der misstrauischen Behörden mit viel Geheimniskrämerei. Zirkel, Chargenzeichen und verschlüsselter Wahlspruch wurden eingeführt. Es entsteht auch ein eigenes Liedgut. Es wurde ein Bruderstatut geschaffen, in dem erstmals festgelegt wurde, dass gegenseitige Dienste anerkannt und erwidert werden müssen. Durch die Annahme des Freundschaftsprinzipes und des Leibburschentums trugen sie zur Veredelung der studentischen Sitten bei und schufen die Grundlage der späteren Urburschenschaften. Als die studentischen Orden zur Zeit der französischen Revolution die Urburschenschaft zu verherrlichen begannen, wurden sie verfolgt und mussten sich auflösen. Aus der Verschmelzung des landsmannschaftlichen Prinzips mit dem Ordensprinzip entstanden nun wieder offen auftretende Landsmannschaften. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam für „renovierte“ Landsmannschaften die Bezeichnung Corps auf.

Die Französische Revolution hatte in allen absolut regierten Ländern Europas die Freiheitsidee mächtig gefördert. Napoleon aber unterjochte als „Vollstrecker der Revolution“ fast ganz Europa. Die meisten deutschen Fürsten mussten ihm auf untertänigste Weise dienen. Als er jedoch 1813 in Moskau geschlagen wurde, erwachte der Befreiungswille überall in Österreich und Deutschland. Die erste Welle dieses Patriotismus ging von den Universitäten und Gymnasien aus. Aller Zank und Hader zwischen den Bürgern war vergessen. in Scharen strömten Studenten, Bürger und Landvolk zu den Waffen. In Preußen entstanden Freikorps deren bekanntestes das „Lützowsche Freikorps“ war. Es bestand fast ausschließlich aus Studenten. Von einer Welle der Solidarität getragen hoffte die neue studentische Bewegung, dass sich nach der Befreiung des Vaterlandes auch ein freieres Leben ergeben würde. Man glaubte das alte Heilige Römische Reich wieder erstehen lassen zu können. Nach dem Wiener Kongress und der „Heiligen Allianz“ zwischen Österreich, Preußen und Russland war dieses Ziel jedoch in weite Ferne gerückt. Der Gedanke lebte in den Studenten weiter und führte am 12. August 1815 zur Gründung der „Allgemeinen Deutschen Burschenschaft“. Heute nennt man sie auch die Urburschenschaft da sie sich von den späteren Burschenschaften des 19. Jahrhunderts doch wesentlich unterschied. Rasch breitete sich diese Bewegung auf alle Universitäten aus. Bei dem Gründungsfest auf der Wartburg wurde der Wahlspruch „Gott, Ehre, Freiheit Vaterland!“ der Bewegung vorangestellt. Damit wurde das Bekenntnis zum Vaterland und zum Christentum zum Ausdruck gebracht. Die Farben „Schwarz-Rot-Gold“ wurden als Burschenfarben auserkoren. Das Duell wurde geächtet, der Streit unter Bundesbrüdern wurde durch Ehrengerichte geschlichtet. Hier finden wir auch zum ersten Mal den Grundsatz zur Pflege des Studiums. Die Neuaufkommenden Turnbetriebe des Turnvaters Jahn bildeten einen weiteren Teil des Programmes. In sittlicher Hinsicht standen die Urburschenschaften weit über den Landsmannschaften. Ursprünglich wurden keine konkreten politischen Forderungen gestellt, in der Folge kam es aber zu Demonstrationen gegen das System Metternichs. Wachsam und misstrauisch verfolgten die Behörden in den Ländern der Heiligen Allianz diese dem Absolutismus abträgliche Erscheinung. Der in russischen Diensten stehende Staatsarzt und Dichter Kotzebue äußerte sich abschätzig über die Burschenschaft und warnte vor deren Gedankengängen. Dies nahm der ehemalige Burschenschafter und protestantische Theologiestudent Ludwig Sand zum Anlass, Kotzebue zu ermorden. Mit dieser Tat jedoch richtete er die Allgemeine Deutsche Burschenschaft zu Grunde. Die Vertreter der Fürsten des deutschen Bundes beschlossen darauf, am Karlsbader Kongress im August 1819, die Urburschenschaften zu verbieten. Deren Angehörige wurden von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Doch der Geist der Urburschenschaft blieb auch nach deren Auflösung lebendig. Bei den weiterbestehenden Gruppen der Urburschenschaften gelange es nicht mehr die Einheit und die Klarheit der Ursprünglichen Ziele zu bewahren. Es bildete sich eine radikal gesinnte Gruppe, die auf ihren Burschentag zu Bamberg 1827 die Pflege des christlichen Gedankengutes aufgab. Die Republikaner unter den Burschenschaftern beteiligten sich 1833 an einem sinnlosen Angriff auf die Hauptwache in Frankfurt am Main. Die Folge davon war eine neuerliche ausgedehnte Verfolgung der Burschenschaften. Vielen jungen Studenten und Hochschullehrern wurde dies zum Verhängnis. Unter der Führung von ehemaligen Burschenschaftern stiegen die Studenten nun auf die Barrikaden. An führender Stelle traten die Studenten in den Kampf um die Schaffung einer Volksvertretung, Verfassung, Presse und Lernfreiheit. Gemeinsam mit dem Proletariat gelang es ihnen, Metternich aus Wien zu vertreiben. Damit brach ein neues Zeitalter in der Politik an, doch die Urburschenschaft hatte ihre Kräfte verbraucht und ihre besten Mannen geopfert. Mit den erkämpften Freiheiten beginnt für das Korporationsleben die Epoche der weltanschaulichen Interessen und Parolen. Die stolze Ungebundenheit des studentischen Lebens ist dahin. Die Urburschenschaft gerät in den Sog eines sich konservativ gebärdenden Bürgertums. Damit endet die von hohen religiösen, sittlichen und vaterländischen Idealen getragene Urburschenschaft.

Die durch teilweise Verschmelzung mit den freien studentischen Orden geläuterten Landsmannschaften hielten sich vielfach neben der urburschenschaftlichen Bewegung. Unter Assistenz der Freimaurer schwenkten sie um in Richtung der Aufklärung. Sie erwiesen den aufgeklärten Fürsten ihre Reverenz, die sich von nun an auf den Universitäten huldvoll zu zeigen beliebten. Das einst so freie Burschentum, das der Obrigkeit durch Jahrzehnte getrotzt hatte, war nun gewillt, sich der patriarchalischen Herrschaft der Monarchen unterzuordnen. Die damals aufkommende Zeremonie des Landesvaters kann man als Symbol dieses Wandels bezeichnen. Die so gezähmten Landsmannschaften nannten sich nach den Befreiungskriegen Corps. Sie betrachteten sich als Nachfahrender langen Reihe studentischer Gemeinschaften. Das Sturmjahr 1848 leitete überall die Koalitionsfreiheit ein. Die Corps wandten sich dem aufstrebenden Liberalismus zu und erklärten dessen Devise im Laufe der Zeit zu ihren eigenen Programm. Der Liberalismus hatte keinen nationalen, sondern eher einen übernationalen Charakter. Er war nicht sentimental, sondern rationalistisch und dem Fortschritt verschrieben. Dieser Fortschrittsgedanke sollte frei sein von allem Transzendentem – frei sein von Gott! Damit erhielt der Liberalismus jene antiklerikale Note, die er bis in die heutige Zeit beibehalten hat. In dem Maße, indem der Liberalismus seiner Hochblüte zustrebte, erstarkten die Corps. Schon in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen sie erneut, wie die übrigen Studentenschaften, den Nichtkorporierten ihre Gesellschaftsform aufzuprägen. Sie selbst jedoch betrieben eine Exklusivität und gewährten nur den gehobenen Schichten Zutritt. Die Corps bekannten sich zum uneingeschränkten Duellprinzip. Sie führten die blutige Bestimmungsmensur als Mutprobe und Duellvorschule ein. Die früheren regellosen Raufhändel kodifizierte man im Paukkomment und macht sie damit gesellschaftsfähig. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts näherten sich die Corps, unter Einfluss des Offizierskorps, mehr und mehr der absoluten Anerkennung der monarchischen Staatsautorität (Zeit Bismarks). Der dynastische Obrigkeitsstaat erhielt dadurch in Deutschland mit den Corps eine wertvolle Stütze durch eine studentischen Elite, die außerdem später den Kern seiner Beamtenschaft bilden sollte. Ein streng gehandhabter Ehrenkodex und ein feudales Auftreten runden das Bild der deutschen Corps ab. Die abgezirkelte Mensur wird zum Mittelpunkt des studentischen Betriebes, der in den strengen Formeln erstarrte. Politische Diskussionen werden aus den Corpshäusern verbannt. So wird die bedingungslose Verteidigung eines überzüchteten Ehrbegriffes zum letzten Sinn im Corpsleben.

Der Gedanke der Universität des alten Imperiums wurde nun in Europa durch den stark aufstrebenden Nationalismus abgelöst. Viele Volksgruppen forderten ihre Unabhängigkeit. Dieser Nationalismus rüttelte auch am Vielvölkerstaat Österreich. Das national-staatliche Programm übte auf die revolutionär gesinnte Gruppe der Studenten einen starken Reiz aus. Die Nationalen fanden sich in Neoburschenschaften zusammen. Bei diesen stand die geistige Linie in keinem unmittelbaren Zusammenhang mehr mit den Urburschenschaften. Die Forderung nach Erhaltung und freier Entfaltung der arteigenen völkischen Substanz unter Verzicht auf ältere Bindungen wurde zur Devise der nationalstaatlichen Idee. Somit zeichnet sich der Unterschied zwischen Corps und Neuburschenschaften deutlich ab. Während die Burschenschaften mit der Nationalstaatlichen Devise gegen die konservativen Mächte ankämpften, verbanden sich die Corps stillschweigend mit den noch herrschenden Landesvätern. Das Neuburschentum wurde zur Phalanx der nationalstaatlichen Parole und gab sich radikal im Vergleich zu den „königstreuen Corps“. Während die Corps im Wissen um die Förderung von oben ihr Prestige zu betonen wünschten und nur die Söhne einer Oberschicht einließen, gaben sich die Burschenschaften frei von „Prunk“ und bemühten sich kämpferischen Naturen ohne Ansehen der Herkunft zu gewinnen. In völkischen Fragen gaben sie sich kompromisslos. Diskussionen über Groß- oder Kleindeutschland oder die zukünftige Art der Verfassung gaben daher bald Anlass zur Spaltung. Die burschenschaftliche „Progreßbewegung“ vertrat das allgemeine Wahlrecht, linkes Gedankengut und lehnte das Duell ab. Dem gegenüber blieben die Corps in Struktur und Zielsetzung geschlossen. Sie fanden sich im Cösener Seniorenconvent zu einem gewaltigen Kartell zusammen und versuchten den Neuburschenschaften das Duell aufzudrängen. Nach der Einigung des deutschen Reiches unter Führung Preußens entstand eine alldeutsche Bewegung, die sich den Schutz des deutschen Grenzlandes zum Ziel setzte. Die Kerngruppe dieser alldeutschen Bewegung waren die Neuburschenschaften. Obwohl zwischen den Burschenschaften und den Corps noch keine weltanschauliche Brücke geschlagen war, so waren sie sich doch im Antiklerikalismus und in der Stützung des Duells einig. So kam es zur Bildung des „Allgemeinen Deutschen Waffenringes“. Später fanden auch altgermanische heidnische Kulte, sowie extremer Antisemitismus Eingang ins Neuburschentum. Die Burschenschaft hatte sich dadurch im Kampf um das Erbe der Urburschenschaften am weitesten von diesen entfernt.

Nachdem die Urburschenschaft das christliche Gedankengut aufgab, Corps und Neoburschenschaften den Duellzwang einführten, war es naheliegend, dass die christliche Studentenschaft nach einer neuen Korporationsordnung Ausschau hielt, die ihren sittlichen Auffassungen entsprach. Dies schien umso mehr geboten, da die Kirche das Duell verwarf und allen Beteiligten mit der Exkommunikation bedrohte. Für die christliche Korporationsidee prägte man den Begriff Verbindung als Kennzeichnung. Das Kennwort „Verbindung“ sollte andeuten, dass hier die Bindung an die Gemeinschaft vor allem zu stehen hat. Die Verbindung bekannte sich von Anfang an zum ordensähnlich gestalteten Lebensprinzip. Dieses untersagte den Vollträgern des Bundeszieles einen Austritt aus der Verbindung. Damit war der Begriff der Korporationsgebundenen „Altherren“ geschaffen. Auch wurde nicht auf die Schlägerführung verzichtet um zu zeigen, dass auch Die Gegner des Duells wahrhaft für das Vaterland eintreten. Von Anfang an ließ man jedoch keinen Zweifel daran, dass man niemals Abhängig sein wollte. Das Statut dieser Art schien für Katholiken und Protestanten gleichermaßen akzeptabel. Daher fehlte es nicht an Versuchen diese Verbindungsidee zu verwirklichen. Versuche fanden schon ab 1840 statt, doch erst 1851 gelang es dem Theologen Gerbl die erste farbentragende katholische akademische Hochschulverbindung in München ins Leben zu rufen. Die Verbindung hieß Änania und besteht noch heute. Es folgten Wilfriedia zu Breslau und Guestphalia in Thübingen, die sich mit der Änania zu einem Schutzbündnis, dem Cartellverband (CV), zusammenschlossen. 1864 entstand die älteste österreichische Verbindung, die Austria Innsbruck. Auch sie schließt sich dem Cartellverband an. Im Gegensatz zu Deutschland ist Farbstudentisches Leben in Österreich auch an den Gymnasien zu spüren. In der Zeit vor dem 1. Weltkrieg war es wohl die Aufgabe dieser Verbindungen, den schwer ringenden Hochschulverbindungen geeigneten Nachwuchs zu stellen. So entstehen in Innsbruck 1876 die Teutonia, 1888 in Solbad Hall die Sterncorona und 1896 in Meran die Aquilea. 1904 schlossen sich die Mittelschulverbindungen nach dem Muster des CV zu einem Kartellbündnis zusammen. Immer wieder sprachen die Duellkorporationen dem christlichen Verbindungswesen das Recht ab, auf akademischen Boden den Schläger zu führen. Im beispiellosen hartem Ringen des katholischen Farbstudententums um Gleichberechtigung kam es besonders in Österreich zu jahrzehntelangen öffentlichen Auseinandersetzungen und Demonstrationen bei denen mehr als einmal Militär aufgeboten werden musste. Dabei taten sich vor allem die Neuburschenschaften durch Intoleranz und Brutalität hervor. Im letzten Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg hatte sich das christliche Verbindungswesen nun endlich behaupten und festigen können. Im Jahre 1914 steht schon eine starke Gruppe von Duellgegnern den noch immer mächtigen Waffenstudententum gegenüber. Nach dem 1. Weltkrieg hatte sich die Kluft zwischen den Lagern verkleinert und die gemeinsame Gefahr des Auffliegens ließ sogar Gespräche miteinander aufkommen. Bald aber verhärteten sich die Grenzen erneut, durch die zunehmende Festigung der bürgerlichen Parteien. Das katholische Farbstudententum erhält wegen seiner Volksverbundenheit den stärkeren Zuzug und fand schließlich schnellen Anschluss an die Zeit. Das Burschenschaftertum wird immer mehr in den Sog der sich ankündenden Diktatur gedrängt. Das Ende dieser Epoche war dann die Diktatur Hitlers. Wir wissen, dass die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus das Ende aller freien Institutionen und unabhängigen Gemeinschaften brachte. Nach der Machtübernahme im Deutschen Reich wissen die Einsichtigen in Österreich, dass ein freiwilliger Anschluss einer Kapitulation vor einem totalitären System gleich kommt. Kanzler Dollfuß, ein katholischer Farbstudent, verweigert sich daher der Anschlußparole und versucht in einem autoritären Alleingang die Gleichschaltung aufzuhalten, fällt aber 1934 einem nationalsozialistischen Putschversuch zum Opfer. Durch den Einmarsch Hitlers 1938 beginnt eine Verfolgung der katholischen Verbindungen, die zahlreiche Opfer forderte. Auch die österreichische Burschenschaft, die man wegen ihrer alldeutschen Haltung zu schonen vorgab, bleibt schließlich auf der Strecke. Nach dem Chaos, in dem das dritte Reich schließlich endete, sind es die christlichen Verbände, die sich als erste wieder zur Arbeit melden. Sie sind nicht belastet und haben vor den Diktatoren nicht kapituliert. Man musste von vorne beginnen. Die Enttäuschung der jungen überlebenden Generation war zunächst unbeschreiblich groß. Die Studenten zogen ohne Illusionen in die kalten Hörsäle ein. An Ideologien war kein Bedarf. Die Presse schrieb einmütig: „Nun ist die Burschenherrlichkeit endlich tot. Das Sauf- und Raufstudententum mit seinen sogenannten Weltanschauungen gehört in die Mottenkiste!“ Doch die alten Gräben werden zugeschüttet, es gibt wieder eine Brücke zu Menschen anderer Gesinnung.